Handys gegen Hunger?

Sunday 03rd, February 2013 / 22:07 Written by

 

© Lasse Fröhner

Die Afrikanische Union ist zuversichtlich das in Zukunft auch in der Trockenzeit üppige Ernten möglich sind
© Lasse Fröhner

Warum Malawi nach den Erfolgsmeldungen der letzten Jahre aktuell wieder Hunger droht, welche Schlüsse die Afrikanische Union zieht und wie das Mobilfunkunternehmen Airtel helfen soll.

Malawi brachte es bisher eher selten zu Beachtung in westlichen Massen-Medien. Nachdem Präsident Bingu wa Mutharika im April vergangenen Jahres an einem Herzinfarkt verstarb, gab es allerdings einen Nachruf in der New York Times, in welchem seiner Amtszeit große Bedeutung für die Entwicklung ganz Afrikas, inklusive dem Entkommen des Hungers, beigemessen wurde.

Institutionen wie der IWF hatten Mutharika zuvor hingegen massives wirtschaftliches Missmanagement bescheinigt, viele westliche Geberländer hatten ihre Zahlungen an seine Regierung wegen zunehmend autokratischer Züge eingestellt. Wie passt das zusammen?

Was auf den ersten Blick wie zwei völlig verschiedene Geschichten wirkt, ist in Wahrheit eng miteinander verflochten.

Jeffrey Sachs, der immer wieder Kritik am Investmentmodell des IWF geübt hat, übersieht als Gastautor der New York Times keineswegs die Verfehlungen des verstorbenen Präsidenten Mutharika. Sachs geht es vielmehr darum, trotz dieser Fehler nicht zu vergessen, was Mutharika einst zu großer Popularität in seinem Land verholfen hatte.

Bei seinem Amtsantritt 2004 hatte Mutharika eine Wirtschaft geerbt, welche auf Hungerprobleme zusteuerte. In einem Land in dem vier von fünf Haushaltseinkommen durch lokale Landwirtschaft erwirtschaftet werden, meistens ohne Maschinen und vor allem ohne Bewässerungssysteme, steuerte man auf eine doppelte Dürre zu. Zu dieser Zeit regnete es nicht genügend und die Bauern konnten kein Geld für Dünger aufbringen. Dies führte schließlich dazu, dass der Stickstoff in den Böden zusehends aufgebraucht war. Mutharika beschloss, entgegen dem Willen wichtiger Geberländer, für jeden Haushalt Dünger und bestimmtes Saatgut zu zwei Dritteln zu subventionieren. Da nicht die Düngemittel ingesamt verbilligt, sondern einzelne Haushalte subventioniert wurden, profitierten vor allem die armen Kleinbauern von dieser neu eingeführten Subventionsmaßnahme.

Das Ergebnis war bereits nach einem Jahr überwältigend: Es kam nicht zu der befürchteten Hungerkatastrophe, sondern das Land bewerkstelligte Rekordernten mit einer Überproduktion von 500.000 Tonnen Mais. Im nächsten Jahr konnte bereits der erste Mais nach Swaziland, Lesotho und Simbabwe exportiert werden. Wenn es damals also bereits gelang, eine verheerende Nahrungsmittelknappheit abzuwenden, warum  ist in Malawi dann aktuell wieder Rede von akuter Hungergefahr?

Die Antwort liegt in der gesamten Amtszeit Mutharikas: Denn mit den positiven Entwicklungen seiner ersten Amtszeit nahmen zugleich auch die negativen Entwicklungen ihren Lauf, für die seine zweite Amtszeit steht.

Zunächst einmal gründete Mutharika seine eigene Partei und gewann, nach seinen Erfolgen in der Agrarpolitik, die nächste Wahl mit eindeutigen Ergebnissen.

Damit fiel aber auch die Kontrolle durch alte Partei-Genossen weg, wie dem vormaligen Präsidenten Muluzi, welcher Mutharika ins Amt gehievt hatte. Und viel schwerwiegender war noch, dass es keine effektive Kontrolle mehr durch die Oppositionsparteien im Parlament gab. Diese hatten zuvor seine Gesetze genehmigen müssen, was keinen Raum für Alleingänge ließ. Jedes Gesetz musste quasi im politischen Konsens entstehen. Nach der zweiten Wahl war Mutharika auf diese Unterstützung jedoch nicht mehr angewiesen.

Dazu kam, dass seine Erfolge mit den Agrar-Subventionen auch auf sein Trotzen gegen die Geberländer und gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgingen. Denn diese gewähren Regierungen nur dann Kredite, wenn „gute Regierungsführung“ garantiert scheint. Da die Regierungen der Geberstaaten aber seit langem den freien Markt als Grundvoraussetzung für „Entwicklung“ ansehen, standen sie den Subventionen äußerst kritisch gegenüber.

Bingu Wa Mutharika hatte also die Erfahrung gemacht, dass es gut sein kann, die Meinungen der Geberländer nicht allzu ernst zu nehmen und konnte es sich gleichzeitig erlauben, auch die Meinungen anderer malawischer Politiker zu ignorieren.

Vielleicht erklärt das ansatzweise, weshalb selbst das Einstellen aller Kredite durch den IWF ihn nicht von seinem Kurs abbrachte, die malawische Währung künstlich aufzuwerten. Er soll der Ansicht gewesen sein, dass vor allem die Ärmsten in unvertretbarem Maße durch eine Abwertung des malawischen Kwacha leiden würden.

Zu den ökonomischen Meinungsverschiedenheiten mit dem IWF kamen dann noch restriktive Gesetze gegen Pressefreiheit und Homosexualität, sowie der Verdacht, unrechtmäßig gegen Kritiker vorzugehen, was auch die verbleibenden Geberländer dazu veranlasste, ihre direkten Zahlungen einzufrieren. Ausländisches Geld wurde knapp und Importe, etwa von Treibstoff, somit immer schwieriger und schließlich unbezahlbar.

Die wirtschaftliche Lage des Landes war ohnehin bereits an einem kritischen Punkt angelangt, da sie stark vom Tabakexport abhängig war und die Preise am Weltmarkt für diesen auf einem Rekordtief lagen. Als dann auch noch die Devisen aus den Entwicklungsgeldern wegfielen, stand der Präsident vor einem Scherbenhaufen seines ursprünglich einpeplanten Budgets. Vom nationalen Haushalt machten die Landwirtschaftssubventionen mit 16 Prozent wiederum einen zu großen und deshalb letztlich nicht mehr zu haltenden Posten aus.

Mit der nächsten Dürre hielt also bereits letztes Jahr auch der Hunger wieder Einzug im Land. Es muss hierbei allerdings beachtet werden, dass nicht alle Ernten zerstört waren und auch nicht alle Reserven verbraucht waren.

Stattdessen fehlte es – sowohl den weniger erfolgreichen Bauern als auch vielen Staatsdienern, die seit Monaten auf ihre Gehälter warteten – schlicht an Geld um den Mais zu kaufen. Es fehlte sogar der Regierung das Benzin um der Bevölkerung mit Lebensmittellieferungen zu Hilfe zu kommen. Der staatlich kontrollierte Benzinverkauf, ursprünglich gedacht um die Preise auf einem niedrigen Niveau zu halten, scheiterte an den mangelnden Devisen. Da Treibstoff auf dem internationalen Markt an den Dollar gekoppelt ist, während der Kwacha selbst im Ausland beständig an Wert verlor, wollte bald niemand mehr zu dem von Mutharika festgelegten Kurs Geschäfte machen.

Dieses Jahr ist die Situation auf dem Markt ähnlich: Ausbleibender Regen hat die Ernten in manchen Regionen des Landes zerstört. Der Mais aus anderen Teilen des Landes ist wegen des verknappten Angebots verhältnismäßig teuer. Weil zudem die neue Präsidentin Banda die malawische Währung abgewertet hat -wofür sie einen neuen IWF-Kredit bewilligt bekam- ist Nahrung für die Armen erst recht unerschwinglich geworden. Laut der Welt-Ernährungs-Organisation (FAO) sind derzeit 11 Prozent der malawischen Bevölkerung (1,63 Mio.) vom Hunger bedroht.

Der Mobilfunkanbieter Airtel soll helfen

An dieser Stelle greift nun das World Food Programme der UN (WFP) ein. Es startete eine Kooperation mit der Regierung, der Nicht-Regierungs-Organisation Save the Children und vor allem mit dem indischen Mobilfunkunternehmen Airtel, welches in Malawi einen Marktanteil von über 70 Prozent hat.

Wie in vielen afrikanischen Ländern übersteigt die Zahl der Handybesitzer in Malawi bei Weitem die Zahl derer, die über einen konventionellen Festnetzanschluss verfügen. (Der Nutzung mobiler Technologien in Afrika wird eufrika.org in Kürze den Themenschwerpunkt Africa’s Digital Revolution widmen). Auch in Malawi ist um dieses enorme Geschäftsfeld herum ein reger Kleinhandel mit Prepaid-Guthaben für Handys entstanden, um auch in ländlichen Regionen – immerhin 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land – die Versorgung mit den beliebten „Units“ zu sichern.

Auf diese Infrastruktur will das WFP nun mit Hilfe von Airtel zurückgreifen. Schon seit einiger Zeit experimentiert das WFP mit direkten Geldhilfen an Stelle von klassischen Lebensmittelhilfen, sofern denn ein üppiges lokales Angebot besteht. Aktuell geschieht dies beispielsweise an der türkischen Grenze mit syrischen Flüchtlingen, aber auch in Bolivien und vielen weiteren Teilen der Welt.

Die Vorteile liegen laut WFP auf der Hand: Es würden in der Regel Transportkosten gespart, man unterstütze die lokale Wirtschaft und die Nutznießer schätzten diese Form der Hilfe, weil sie mehr Selbstbestimmung zulasse.

100.000 MalawierInnen, die nach Einschätzung des WFP aktuell und akut von Hunger bedroht sind, kriegen daher derzeit von der Organisation Geld auf ihr Handy geschickt. Sie können damit dann zu ihrem lokalen Händler von Airtel „Units“ gehen und das Geld bar ausgezahlt bekommen. Es wird davon ausgegangen, dass dieses Geld wiederum direkt in die Wirtschaft fließt, gemäß dem Motto: Wer Hunger hat, spart nicht.

Wenngleich Malawi womöglich einen neuen Trend im technologischen Fortschritt Afrikas illustriert, so macht die Notwendigkeit dieser technischen Notfalldienstleistung letztlich doch das Scheitern Mutharikas deutlich. Seine Partei, die den Maiskolben im Wappen trägt, konnte ihr Versprechen, die malawische Bevölkerung nachhaltig vom Hunger zu befreien, augenscheinlich nicht einhalten. Was aber lässt die Fans von Mutahrikas Agrar-Politik, wie Jeffrey Sachs, vom Schlüssel gegen den Hunger, nämlich Afrikas „Grüner Revolution“, sprechen?

Sie sehen es als Regierungsversagen an, dass überhaupt noch afrikanische Länder um Hilfen zur Ernährung ihrer BürgerInnen bitten müssen. Dabei verweisen sie auf die ungenutzten Potenziale in der Landwirtschaft vieler afrikanischer Staaten und deren teils enormes Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. Ihrer Ansicht nach müssten zu Zeiten des Wachstums auch zwangsläufig die Investitionen in die heimische Landwirtschaft steigen, wie es etwa in vielen Ländern Asiens zum Aufstieg geführt habe. In Asien sei für die „green revolution“ bis zu 20 Prozent des Budgets in die Landwirtschaft gepumpt worden, während es in Afrika derzeit zwischen 5-10 Prozent sind.

Dieses Potenzial wurde auch bei der Afrikanischen Union erkannt – gleichzeitig werden Lehren aus dem Fall Malawi gezogen.

There is no doubt that African agriculture needs strong local institutions to avoid the kind of bubble that we saw in Malawi, which was largely driven by external energy”

sagt Martin Bwalya, Chef des CAADP.

Die Afrikanische Union (AU) hat das „Comprehensive Africa Agriculture Development Programme“ (CAADP) gestartet. Man sieht dort die Abhängigkeit von den Meinungen und Geldern der Geberländer als Ursache von Mutharikas Scheitern und will mit dem Aufbau einer lokalen Infrastruktur reagieren, damit eine solche von außen aufgeblasene „Blase“ nicht wieder zum Platzen kommt.

Nachdem Ghana mit seinen Investitionen in den Kakao-Anbau die Armut im Land mehr als halbierte und somit zum ersten sub-saharischen Land wurde, das dieses Millennium Development Goal erreichte, rechnet man nun auch in Nigeria mit 3,5 Miollionen neuen Jobs durch eine Landwirtschaftsreform.

Seit Sierra Leone seine Ausgaben in der Landwirtschaft von 1,6 Prozent der Budgets (2008) auf 7,7 Prozent (2009) erhöhte, ist die Produktion von Reis auf 784.000 Tonnen angestiegen – bei einem Eigenbedarf von 550.000 Tonnen. Das CAADP verspricht daher jedem Land, welches sich dazu verpflichtet seine Agrar-Ausgaben auf 10 Prozent des Budgets zu erhöhen, Hilfen beim Aufbau lokaler Institutionen und der Bildung von qualifiziertem Personal.

Es geht also in erster Linie darum „best practices“, also erfolgreiche Strategien in verschiedenen Teilbereichen, zu teilen. Davon verspricht man sich ein jährliches Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion von 6 Prozent. Die Idee lässt sich wohl mit dem Zusammenschluss der Europäischen Union zur Gemeinsamen Agrar Politik (GAP) vergleichen. Diese entstand ebenfalls aus den Erfahrungen mit der Hunger-Gefahr in den 1950er Jahren.

Gleichzeitig macht dieser Vergleich aber auch klar, woran es dem Entwurf fehlt: An (eigenem) Geld und an Verbindlichkeit. Die Agrar-Politik der EU macht heute 40 Prozent des Gesamtbudgets aus, während es in der AU im Prinzip bei Lippenbekenntnissen bleibt. Selbst wenn man dem Beispiel der EU folgen würde und beispielsweise einen Topf für solche Investitionen, in den jeder Staat einzahlen muss, einrichten würde – es blieben Hauptsächlich die Gelder der Geberländer, die fließen würden. Angesichts der europäischen Tradition extremer Subventionierung der eigenen Bauern stellt sich die Frage, inwiefern sich in der EU (als eine der wichtigsten Gebergemeinschaften) überhaupt das entwicklungspolitische Interesse an besser aufgestellten Institutionen dieser Art in den Ländern der AU durchsetzen kann. Vielleicht hängen Mutharikas Erfolge und sein Scheitern auch deshalb enger zusammen, als auf den ersten Blick zu sehen ist.

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