Von der Bedeutung von Wörtern und Wörtern von Bedeutung | Kommentar

Tuesday 17th, February 2015 / 12:14 Written by

 

Die Argumentation, der Name der Mohrenstraße in Berlin sei historisch gewachsen und nicht rassistisch, ist widersprüchlich. Doch das zentralste Argument ist ein ganz anderes. Ein Antwort-Schreiben auf U. van der Heyden…

Zu Ostern mal was frisches: "Autonome Häßchen" bekannten sich zu diesem Namensvorschlag von Ostersamstag 2003; Quelle: Indymedia

Zu Ostern mal was frisches: “Autonome Häßchen” bekannten sich zu diesem Namensvorschlag von Ostersamstag 2003; Quelle: Indymedia

Rassismus, das muss für Weiße Menschen immer ein Thema verbunden mit kritischer Selbstprüfung sein. Zum Beispiel schreibe ich „Weiß“ hier groß, also als Substantiv, um zu verdeutlichen, dass ich dabei von einer sozial-konstruierten Kategorie ausgehe. Diese muss zwar benannt werden können – denn gemäß der Einsicht „race doen’t exist but it kills people“ wäre es fatal so zu tun, als gäbe es sie nicht – sie sollte dabei allerdings ihrer vermeintlich neutral-beschreibenden Natur enthoben, also nicht als Adjektiv genutzt, ergo nicht klein geschrieben werden. Das wirkt kleinlich? Ist es auch. So etwas ist nervig? Ja und das soll es auch sein. Warum es wichtig ist, sich darüber Gedanken zu machen, insbesondere als Weißer, der wie ich nun zu Rassismus schreibt, dazu folgt ein aktuelles Beispiel aus dem Berliner Stadt-Leben.

[Hinweis: Es folgen Beispiele rassistischer Sprache]

Seit Jahren setzen sich hier Verbände aus der Black Community und einige Unterstützer*innen für die Umbenennung von Straßen ein, welche Kolonialherren ehren oder anderweitig direkten Bezug zum Kolonialismus haben. Eine ausführliche Dokumentation und Aufarbeitung findet sich auf der Seite von Berlin Postkolonial. Mir geht es im Folgenden um die besonders intensiven Auseinandersetzungen um die „Mohrenstraße“ – was sind hier zentrale Argumente (und was nicht)?

Befürworter*innen einer Umbenennung in Nelson Mandela Straße halten die M-Straße für besonders diskriminierend, weil hier gleich eine ganze Menschengruppe mit einer kolonial-rassistischen Bezeichnung diffamiert wird. Zugleich ist die Auseinandersetzung um diesen Straßennamen auch Paradebeispiel für ihren Kampf um Deutungshoheit. Dieser wird hier so erbittert geführt, weil sich auf der einen Seite eine Mehrheit der Gesellschaft nicht betroffen fühlt und sich auf der anderen Seite eine Minderheit in einem Kampf mit langer Tradition weiß.

Gerade diese historische Dimension wurde jedoch mit weit-reichenden Folgen von dem Historiker Ulrich van der Heyden bestritten. Dieser war als „Experte“ von der Bezirksverordnetenversammlung angehört worden, woraufhin man sich dort 2004 gegen eine Umbenennung der M-Straße entschied.

Vertreter*innen der black-community waren zwar als „Betroffene“ angehört worden, beklagten aber später ihnen sei weniger Zeit, um ihre Argumente auszuführen, eingeräumt worden. Ganz zu schweigen von dem Gewicht der („neutral-expertenhaft“ vorgetragenen) Worte des Professors und dem der („betroffenen“, also emotional gefärbten) Gegenrede. Die scheinbare Detail-Frage, wer den Status als „Experte“ verdient und wer die „Betroffenen“ sind, ist tatsächlich zentral für den Ausgang dieses Streits, wie ich im Folgenden anhand des neusten Artikels von Ulrich von der Heyden verdeutlichen möchte.

[Die folgenden Zitate entstammen alle dem Artikel; Hier klicken, um das Original zu lesen]

Darin bezieht er sich auf zwei Argumente, welche seiner Auffassung nach auch schon alle Gründe für eine Umbenennung darstellen und widerspricht ihnen.

1. Die Bedeutung des Wortes „Mohr“ sei nicht rassistisch.

Von der Heyden bestätigt, dass der Name der M-Straße auf die Kolonialzeit zurückgeht und auch, dass damit Schwarze Menschen gemeint waren. Das Wort sei allerdings viel älter und habe im Wandel der Zeit ganz unterschiedliche Menschengruppen bezeichnet:

„Bis ins 16. Jahrhundert hinein machte man in Europa kaum Unterschiede zwischen Bewohnern des nördlichen Afrikas und des übrigen Kontinents, ja selbst Angehörige anderer außereuropäischer Kulturen wie Türken und Tartaren wurden als »Mohren« betitelt. Der Begriff war damals nicht rassistisch konnotiert, allenfalls exotisch“

Ihm entgeht augenscheinlich, dass die Exotisierung von Menschen ein Funktionsmechanismus von Rassismus ist, obwohl das in der entsprechenden Forschung seit Jahren akzeptiert ist (für einen schnellen Eindruck siehe z.B. Literatur des Wikipedia-Eintrags). Es hätte ihm zumindest auffallen können, dass alle Bewohner des afrikanischen Kontinents, plus Türken und Tartaren, wenig gemeinsam haben dürften, was sich in einem Wort wie Mohr ausdrücken lässt – außer eben, dass sie als anders (exotisch) konstruiert wurden.

By iamkaspar (Quelle: Flickr); CC BY 2.0

Image by iamkaspar (Quelle: Flickr); CC BY 2.0

Dass damit eine Abwertung der Anderen verbunden war, wurde spätestens mit ihrer gewaltvollen „Zivilisierung“ und Versklavung zur Kolonialzeit deutlich. Dies ist die Zeit in der Rassismus (nicht bloß Vorurteile, sondern eine mit Macht und Gewalt verbundene Lehre von unterschiedlicher Wertigkeit menschlichen Lebens) erfunden wurde. Dass der Name der M-Straße ebenfalls auf diese Zeit zurückgeht sollte dem Professor also eigentlich reichen, um nicht mehr zu behaupten „der Mohr“ sei „unschuldig“. Zumal er selbst konstatiert, dass der Begriff seither keiner weiteren Umdeutung unterlag, sondern schlicht nicht mehr benutzt wird. Ob das Wort nun etymologisch vom griechischen für „töricht“ oder für „schwarz“ abstammt (oder beides…) ist also offensichtlich sekundär, wenn es bei Fremdbezeichnungen wie “Mohr” eben nicht um neutrale Beschreibungen, sondern um die Konstruktion von Anderen, sowie deren Abwertung, ging. Es bleibt somit mehr als rätselhaft, wo der Professor widerlegt haben will, dass die Bedeutung des Wortes „Mohr“ rassistisch ist.

2. Die M-Straße sei nicht nach Sklaven benannt.

Auch bei seinem zweiten Argument zeigt sich diese Un-Sensibilität. Bezüglich der Namensgebung der M-Straße stellt von der Heyden fest:

„Namensgebend war eine Delegation afrikanischer Repräsentanten aus der brandenburgischen Kolonie Großfriedrichsburg (…) Die Deputation wollte nach dem Abschluss von sogenannten Schutzverträgen dem Großen Kurfürsten ihre Aufwartung machen. (…) Die viermonatige Anwesenheit der Afrikaner rief soviel Aufmerksamkeit unter der Berliner Bevölkerung hervor, dass man die Strecke, auf der man die Fremden des Öfteren sah, Mohrenweg nannte – gemäß des damaligen Sprachgebrauchs.“

Auch wenn wir an dieser Stelle bereits lernen mussten, dass der Professor eine Fremdbezeichnung des „Sprachgebrauchs“ der Kolonialzeit nicht rassistisch findet; Es verwundert doch sehr, dass dem Historiker hier trotz Erwähnung der „Schutzverträge“ nicht nachvollziehbar ist, dass Menschen den Namen der Straße zumindest mit Kolonialismus verbinden. Muss hier wirklich so getan werden, als handele es sich bei den afrikanischen Repräsentanten schlicht um Vertragspartner, indem lieber auf die „Gastfreundschaft“ der Kolonialherren verwiesen wird, anstatt den Zweck des Treffens bzw. der Verträge näher zu beleuchten?

Auch „fremdländische Militärmusiker, darunter einige Schwarzafrikaner“ die dort später untergebracht wurden, scheinen von der Heyden als freiwillige Anwesende zu gelten. Hier ist ihm die Vorbildwirkung für andere europäische Höfe einer Erwähnung wert, nicht jedoch was das bedeutet: Der Hof schmückte sich mit „exotischen“ Dienern um sich als Kolonialmachthaber in Szene zu setzen.

Es ist dieser Zusammenhang, der überhaupt verstehen lässt, wie der Straßenname offiziell werden konnte: Er passte schon damals zur Selbstinszenierung der Mächtigen, die später noch zahlreiche Straßenbenennungen nach Kolonien und Kolonialherren mit sich brachte (siehe Aufarbeitung „Afrikanisches Viertel“ auf www.berlin-postkolonial.de). Gleichzeitig ist es Grund genug, für die heutigen von Rassismus Betroffenen und ihre Unterstützer*innen, sich von einer Umbenennung einen hohen symbolischen Wert zu versprechen.

Denn wer genau, auf welche Weise auch immer, gezwungen wurde in besagter Straße zu leben und „gemäß des damaligen Sprachgebrauchs“ prägend für den Straßennamen wurde, ist wiedermal sekundär. In erster Linie ist klar, dass ihre Anwesenheit eng mit den kolonialen Unternehmungen Brandenburg-Preußens zusammenhing und da hilft auch nicht der Hinweis, dass der historische Anteil „mit 19.240 in die Karibik verkauften Afrikanern gering“ war. Somit bleibt auch hier nicht nachvollziehbar, wo von der Heyden diesen Grund für die Umbenennung widerlegt haben will.

Damit komme ich zu dem eigentlich zentralen Argument

Gerade dadurch, dass es bei ihm keine Erwähnung findet, verdeutlicht von der Heyden die Bedeutung des eigentlich zentralen Arguments: Was rassistisch ist, lässt sich nämlich nicht immer in einem (leider noch immer von gewissen un-sensiblen Weißen Professoren dominierten) wissenschaftlichen Diskurs klären.

Denn maßgeblich ist hier das Empfinden der Negativ-Betroffenen. Rassismus beinhaltet nun mal, dass Weiß-sein ein Privileg ist – das Privileg bspw. nicht biologisch oder kulturell bedingtermaßen für weniger rational gehalten zu werden, oder nicht Teil der mehrheitsgesellschaftlichen Sicht auf die (Nicht-) Bedeutung des deutschen Kolonialismus zu sein. Was so ein Privileg oft mit sich bringt und in diesem Fall für die deutsche Mehrheitsgesellschaft genau wie für von der Heyden sicherlich auch zutrifft, ist: Diejenigen, welche das Privileg haben, realisieren gar nicht, dass sie es haben. Weil sie es haben, können sie ignorieren, dass andere es nicht haben und werden merkwürdig unsensibel – und verletzend! – wenn es um koloniale Kontinuitäten geht.

Diejenigen hingegen, welche im Rassismus nicht-privilegiert sind, bekommen oft genug zu spüren, dass nicht alles ganz harmlos ist, nicht alles lieb gemeint oder nur ein Spaß ist, was die Weißen aufgrund des Phänotyps und langer rassistischer Denktraditionen so in sie hineininterpretieren. Sie haben sozusagen Erfahrungsressourcen, die sich den anderen nur durch aufmerksames Zuhören erschließen. Deshalb sollten wir – wollen wir aus der Vergangenheit lernen und eine sensible Rassismus-Debatte führen – ihnen die Deutungshoheit zugestehen, sie also als die eigentlichen Expert_innen begreifen.

Für alle Weißen aber sollte gelten, womit ich diesen Text begonnen habe: Rassismus, das muss für Weiße Menschen immer ein Thema verbunden mit kritischer Selbstprüfung sein. In diesem Sinne sind wir also die Betroffenen: Rassismus ist ein Problem in unserem Kopf. Und (daher, noch) in so manchem deutschen Straßennamen.

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Mit der Hilfe von leftvision und dem Bündnis Decolonize Mitte! habe ich dieses Video gemacht, auf welches ich zum Schluss noch all jene hinweisen möchte, die sich für die Motivation einiger der Aktivist_innen interessieren:

Links zum Thema:

Taz-Artikel über aktuellen Protest, sowie Machbarkeit und Verhältnismäßigkeit einer Unbenennung

Sprachlog-Post über Herkunft und Charakter des M-Wortes

Berlin-Postkolonial zu Brandenburg-Preußens Kolonialpolitik

FSI OSI zum Akademiker-Streit zwischen U. von der Heyden und Y. Endrias, sowie dem Weißen Diskurs um die M-Straße

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